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25. September 2025Falsche Behauptungen über Brosius-Gersdorf fallen Geistlichem auf die Füße – trotz Rückzieher
Bamberg Am 13. Juli hatte der Bamberger Erzbischof Herwig Gössl eine Predigt gehalten, die es in sich hatte. Er wetterte gegen die Potsdamer Jura-Professorin Frauke Brosius-Gersdorf. Diese war von der SPD als Kandidatin für das Richteramt am Bundesverfassungsgericht vorgeschlagen worden. Die Wahl fand dann aber nicht statt, da sich abzeichnete, dass es aus den Reihen von CDU/CSU zu wenige Stimmen für die Kandidatin geben würde. Zuvor hatten rechte Medien und Politikerinnen und Politiker eine massive Kampagne gegen Brosius-Gersdorf gestartet. Sie wurde als „ultralinks“ bezeichnet, und ihre Ausführungen, zu den Themen Abtreibung, Impfpflicht und AfD-Verbot, in zahlreichen Artikel und Posts auf Social Media verzerrt wiedergegeben.
Auch Gössl hat wohl einige der Artikel über Brosius-Gersdorf gelesen. Und einen falschen Eindruck bekommen, insbesondere zu Brosius-Gersdorfs Einstellung gegenüber Abtreibungen. Damit ist er einer konzertierten Aktion der Rechten aufgesessen. In seiner Predigt ließ sich Gössl dann zu der Aussage hinreißen, Brosius-Gersdorf bestreite das Lebensrecht ungeborener Menschen. Er sprach zudem von einem „innenpolitischen Skandal“ in Zusammenhang mit ihrer Kandidatur für das Bundesverfassungsgericht.
Gössl lag schlichtweg falsch
Mit seiner Behauptung zum Thema Abtreibungen lag Gössl schlichtweg falsch. Und genau deswegen steht er jetzt selbst massiv in der Kritik. Die Bamberger SPD nannte seine Predigt „arrogant“. Und Brosius-Gersdorf wehrte sich selbst bei ihrem Auftritt im ZDF-Talk „Lanz“ vom 15. Juli: „Was ich besonders verstörend finde, ist, dass von Seiten des Bamberger Erzbischofs in Bezug auf meine Person als Abgrund von Intoleranz und Menschenverachtung gesprochen wurde. Das kann ich mir nicht länger gefallen lassen. Ich finde das infam. Jeder, der mich kennt, weiß, dass das Gegenteil der Fall ist.“
Daraufhin ruderte Gössl gewaltig zurück, er sei „falsch informiert“ gewesen und sah sich zu folgendem Statement genötigt: „Ich habe zu keinem Zeitpunkt die angesehene Juristin Frauke Brosius-Gersdorf persönlich angreifen oder diffamieren wollen. Ihre Kompetenz als Juristin und ihre persönliche Integrität habe ich niemals in Zweifel gezogen. Das Thema meiner Predigt war die Verantwortung vor Gott. Dabei kam als ein Beispiel unter anderen auch das Thema Schutz des ungeborenen Lebens zur Sprache. Ich habe die Folgen für die Gesellschaft dargelegt, wenn die Verantwortung vor Gott abhandenkommt.“
Dieses Eingeständnis kam jedoch zu spät, um die Debatte noch aufzuhalten. Und selbst der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Georg Bätzing, sah sich genötigt, Brosius-Gersdorf zu verteidigen. Er sagte gegenüber der der Augsburger Allgemeinen. „Diese Frau hat es nicht verdient, so beschädigt zu werden.“
Aber nicht nur aus den eigenen Reihen, auch auf Social Media wird der Geistliche heftig kritisiert. Hier einige Stimmen prominenter Publizistinnen und Publizisten auf der Social Media Plattform BlueSky:
Der Berliner Sozialwissenschaftler Daniel Kubiak beispielsweise kommentiert die Kausa Gössl und dessen Gesprächsangebot an Brosius-Gersdorf mit einem „Männer, die sich zu wichtig nehmen.“ Die Politikerin und Autorin Jutta Ditfurth schreibt über den Erzbischof: „Schon wieder ein Opfer. Brosius-Gersdorf mäht reihenweise dumme Männer nieder.“ Und weiter: „Ich hatte immer schon den Verdacht, dass Predigten auf uraltem Tratsch und Legenden beruhen.“ In einem dritten Post heißt es: „Wie leicht lassen sich Bischöfe aufhetzen?“
Eine andere Stimme mit dem User-Namen 4linblue GG-Ultra kommentiert die Aussagen von Gössl einfach nur mit einem „Herrje“. Und der Journalist Mario Sixtus notiert: „Bleibt die Frage: Lesen Pfaffen Nius oder eher Tichy oder gar Junge Freiheit?“ Damit zielt er darauf ab, dass die Kampagne gegen Brosius-Gersdorf von Medien am rechten Rand betrieben wurde.
Die Journalistin und Autorin Teresa Bücker schreibt: „Einmal mit so viel Reichweite und zugeschriebener Relevanz sich zu Dingen äußern können, die ich nur unzureichend erfasse und deren reale Wirkung mich nicht interessiert, wie katholische Geistliche zu §218 StGB.“
Und der Account „Der Volksverpetzer“ führt aus: „Der Bamberger Erzbischof nimmt seine Vorwürfe gegen Brosius-Gersdorf zurück. Er sei ‚falsch informiert‘ gewesen. Kein Problem – Rechte Hetzseiten streuten Desinformation. Aber man kann sich informieren, richtigstellen und entschuldigen.“ Der Historiker Jürgen Zimmerer hat für Gössl den guten Rat: „Das nächste Mal halt vorher anrufen, oder die Klappe halten. Immerhin Fehlereinsicht.“ Und der Journalist Stefan Fries kritisiert. „Neue Form der Nopology: „Der Erzbischof war insofern falsch informiert, was er nachdrücklich bedauert. Als sei er nicht selbst Schuld daran, wie er informiert ist. Schuldige werden aber auch nicht benannt. Insofern fraglich, wem genau das Bedauern gilt.“
Heftige Kritik beispielsweise auch in der Süddeutschen Zeitung und dem Spiegel
Auch auf anderen Plattformen, wie Facebook, und beispielsweise in der Süddeutschen Zeitung oder dem Spiegel wurde Gössl kritisiert: Die Grünen-Politiker Katrin Göring-Eckardt mahnt: „Vor allem erwarte ich und hoffe auch, dass diejenigen in und aus der katholischen Kirche, die sich an all dem beteiligt haben, hoffentlich nur falsch informiert, die Kurve kriegen. Es kann nicht im Sinne einer Kirche sein, dass eine Schmutzkampagne gegen eine Wissenschaftlerin gefahren wird, sie massive Drohungen bekommt und Amts- und Würdenträger dazu schweigen.“ Der Journalist Nicolas Richter schreibt in einem Leitartikel der Süddeutschen Zeitung: „Die unsägliche Kampagne gegen Brosius-Gersdorf bestand überwiegend aus Halb- und Gar-nicht-Wahrheiten, etwa jener, dass die Richterkandidatin den Schutz des ungeborenen Lebens rundweg ablehne. Der Bamberger Erzbischof Herwig Gössl, der eine mögliche Ernennung von Brosius-Gersdorf deswegen als Skandal bezeichnete, hat diesen Vorwurf inzwischen zurückgenommen. Das ehrt ihn insofern, als er einräumt, sich ohne ausreichende Kenntnis der Sache geäußert habe. Gleichwohl hat er – und nicht nur er – dazu beigetragen, den Ruf einer fachlich respektierten Persönlichkeit zu ruinieren.“ Im Spiegel rät der Journalist Felix Bohr Gössl, sich die Bibel nochmal genauer anzuschauen, und zwar das Jesuszitat: „So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört“. Damit verweist Bohr darauf, dass die Kirche sich an dieser Stelle rauszuhalten hat. Weiter schreibt er: „Es gibt also gute Gründe, katholische Würdenträger bei der Besetzung von Richterposten in Deutschland kein Wörtchen mitreden zu lassen. Das muss auch so bleiben.“
In der Zwischenzeit haben Brosius-Gersdorf und Gössl miteinander telefoniert, und laut Medienberichten den „respektvollen Ton“ des Gesprächs betont. Anschließend hat das Erzbistum wohl noch die Video-Aufzeichnung der Predigt aus dem Netz genommen, auf dem YouTube-Kanal des Bistums ist sie nicht mehr zu finden. Doch die Diskussion um das Verhalten von Erzbischof Gössl ist noch nicht zu Ende.
Text: Karoline Keßler-Wirth
Pic: Björn Schimmeyer (Archiv)


