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„11 ist eine gerade Zahl“ ist die jüngste Veröffentlichung des Bamberger Autors Martin Beyer
Bamberg Der Bamberger Autor Martin Beyer hat mit „11 ist eine gerade Zahl“ Ende 2025 seinen sechsten Roman veröffentlicht. Mit diesem Buch hat er sich wieder einem komplett neuen Thema zugewandt: Eine Mutter begleitet ihr krebskrankes Kind. Das Leben um sie herum schrumpft. Gleichzeitig wächst eine parallele Fantasiewelt. Ein Gespräch mit Einblicken in sein Leben und Wirken, und darüber, wie ein Roman entsteht.
Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?
Bei mir fing es in der Kindheit an, die erste Berührung mit Geschichten waren Rollenspiele. Ich habe nicht viel gelesen, sondern mit Freunden gespielt. Wir haben uns ganze Welten ausgedacht und den Bösewicht Doktor Schiwago genannt, nach einem Roman, der bei meiner Oma im Regal stand. Heute würde man das vielleicht Live-Roleplaying nennen. Dafür haben wir uns Charaktere mit Stärken und Schwächen ausgedacht, bewaffnet waren wir mit Stöcken. Wir haben erlebt, was es bedeutet, Teil einer Geschichte zu sein, das war sehr prägend. Später wurden diese Rollenspiele allerdings uncool. Dann gab es den zurückgezogenen Martin, der immer noch nicht viel gelesen, sich aber sehr für Computerspiele interessiert hat. Gerade bei Computerspielen gibt es faszinierende Erzählmodelle, Adventures, in die man eintauchen kann. Prägend war auch, dass ich in der elften Klasse eine großartige Deutschlehrerin hatte. Sie hat mich zum Lesen gebracht. Ich habe dann wild und begeistert zum Beispiel Hermann Hesse und Theodor Fontane gelesen. Aber mir hat etwas gefehlt, heute würde ich sagen, der aktive Umgang mit Geschichten. Mit 18 habe ich eine autobiografische Erzählung verfasst, die in einem kleinen Verlag veröffentlicht wurde. Sozusagen eine Jugendsünde. So fing es an.
Wie ging es weiter?
Ich dachte, mir steht die Literaturwelt offen, ich werde ein Star. Um festzustellen, dass es bis zum Autor noch ein langer Weg war. Die Dimension, was es eigentlich heißt, als Autor zu leben, konnte ich nicht abschätzen. Aber es hat sich gezeigt, dass mir das Erzählen von Geschichten liegt und dass ich mich auf diese Weise ausdrücken kann. So habe ich angefangen, mehr und mehr zu schreiben.
Wie finden Sie Geschichten und woher wissen Sie, dass eine Geschichte es wert ist, erzählt zu werden?
Oft ist es so: Die Geschichten finden mich. Bei „Und ich war da“, einem Roman über den Handlanger eines Scharfrichters, kam der Erzählfunke daher, dass ich hier in Bamberg im Henkershaus gewohnt habe und meine Vermieterin mich mit diesem Berufsstand konfrontiert hat. Später sind mir die Protokolle der Hinrichtung der Geschwister Scholl in die Hände gefallen. Alle Beteiligten werden in deutscher Gründlichkeit aufgeführt, nur der Gehilfe des Scharfrichters wird darin nicht namentlich genannt. Da habe ich mich gefragt, wer könnte das gewesen sein? Und warum entscheidet sich jemand in einer solchen Situation, auf der Seite der Täter zu stehen? War es überhaupt seine Entscheidung? Bei „Tante Helene und das Buch der Kreise“ war es so: Eine Künstlerin kam nach einer Lesung zu mir und wollte mir ihre Lebensgeschichte anvertrauen. Daraus ist eine Freundschaft entstanden und nach vielen Jahren der Roman. Manchmal inspiriert mich auch die Zeitgeschichte. „Alle Wasser laufen ins Meer“ hat mit meinem Interesse an der Person Georg Trakl zu tun. Mit diesen drei Romanen habe ich sozusagen das 20. Jahrhundert durchwandert, viele Gespräche geführt, viel recherchiert. In meine Texte fließen aber auch meine Träume ein, Traumbilder sind eine wichtige Inspiration für mich.
Wie sind Sie auf die Geschichte des aktuellen Romans gekommen?
Bei „11 ist eine gerade Zahl“ war es eine Kollision verschiedener Dinge, verschiedener Momente, die zusammenkamen. Das Urbild war vielleicht, dass etwas Dramatisches, etwas Unsägliches auf etwas unglaublich Banales trifft, wie eine schwere Krankheit auf ein gemeinsames Waffelbacken. Ein weiterer ausschlaggebender Moment war dann ein Gespräch mit einer Mutter, deren Tochter schwer erkrankt war, im Alter von 16 Jahren. Ich bin an den Bodensee gefahren, und wir haben darüber gesprochen, wie diese Zeit, diese Ausnahmesituation für sie war. Dieses Gespräch war für mich prägend, und das auch, weil ich danach das Vertrauen in mich hatte, diese Geschichte zu schreiben. Weil es für mich vorher sehr stark darum ging, ob ich mir eine Geschichte mit dieser Gefühlswelt überhaupt zutraue. Und ob meine Gesprächspartnerin mir das zutraut. Sie hat mich dann aus dem Gespräch mit dem Gefühl entlassen: Mach das unbedingt! Das war auf jeden Fall der entscheidende Moment. Ich habe dann viele weitere Gespräche geführt und bin zum Beispiel nach Erlangen in die Kinderklinik gegangen. Dort habe ich unter anderem mit Pädagoginnen und Psychologen gesprochen. Das war alles sehr wichtig, um diesen Roman schreiben zu können.
Wie findet man eine Figur wie Katja, die Mutter in Ihrem Roman?
Eine solche Figur entsteht aus einer Vielzahl an Komponenten. Aus Gesprächen, Begegnungen, Eindrücken, Erfahrungen. Dann kommt der Prozess der Entscheidung. Eine der Entscheidungen ist zum Beispiel der Beruf. Meine Figur ist Grundschullehrerin. Wegen der Krebserkrankung ihrer Tochter musste sie aber zeitweise pausieren. Und jetzt, da die Krankheit zurückkehrt, droht sich das alles zu wiederholen. Ich fragte mich: Wie steht man so etwas durch? Wie muss so eine Person sein? Die Figur findet sich aber auch durch Abwesenheiten. Katja ist getrennt, Paula ist ein Einzelkind. Katjas Mutter ist gestorben. Sie hat nur ihren Vater. Wenn ich ein Buch schreibe, ist die Freiheit, die das mit sich bringt, manchmal furchteinflößend. Ich schreibe, bis eine Figur stimmig ist, bis etwas einrastet. „11 ist eine gerade Zahl“ ist wie ein Kammerspiel gedacht. Es gibt eine überschaubare Figurenkonstellation. Wichtig ist mir wie eben erwähnt das Spielen mit Abwesenheit und Anwesenheit. Der Ehemann gehört nicht mehr zur Familie. Die Mutter von Katja ist auch abwesend, sie ist verstorben. Gleichzeitig ist sie sehr präsent, als Stimme im Kopf und permanentes schlechtes Gewissen. So entwickelt sich eine Figur nach und nach in meinem Kopf und auf dem Papier.
Sie als Vater eines Sohnes schreiben über eine Tochter und ihre Mutter, also entgegen der eigenen biografischen Situation. Warum haben Sie sich für einen weiblichen Charakter entschieden?
Das ist ein erlaubter Prozess der Transformation. Ursprünglich hatte ich den Gedanken, viel näher an meinem biografischen Erleben und der Erfahrung zu bleiben. Ich habe auch mit anderen Figuren experimentiert, beispielsweise mit der des Vaters. Am Ende habe ich entschieden, dass die Mutter als Hauptfigur für mich am stimmigsten ist. Die Konstellation einer alleinerziehenden Mutter und ihrer Tochter beschreibt vielleicht die elementarste Bindung überhaupt. Wenn man einen Roman schreibt, muss man wie gesagt entscheidungsfreudig sein. Man muss mehrere Versuche wagen und Konstellationen wieder verwerfen. Ob es überhaupt in Ordnung ist, dass ich als Mann vor allem eine weibliche Perspektive in den Mittelpunkt stelle, diese Frage hat mich lange beschäftigt. Aber es geht mir hier vor allem um Elternschaft als solche, über die kann ich auch als Vater schreiben. Vielleicht musste ich das sogar, nur hat sich eben das eigene Erleben verwandelt.
Sie erzählen die Geschichte aus der Sicht der Angehörigen. Warum?
Ich wollte aus einer Figurenperspektive erzählen, nicht aus einer übergeordneten Erklärungsperspektive. Es gibt nichts Einordnendes, kein Zurücktreten, sondern es bleibt bei der Erfahrung und der Lebenswelt dieser Figur. Die Mutter des kranken Kindes befindet sich in einer absoluten Ausnahmesituation. Diese Gefühlswelt zu erarbeiten und darzustellen, finde ich sehr spannend. Viele Romane und Romane rücken die Perspektive der Erkrankten in den Mittelpunkt, das habe ich mir aber nicht zugetraut. Hier bin ich also stärker bei meinen eigenen Erfahrungen als Angehöriger geblieben.
Die Besonderheit dieses Romans ist, dass er nicht eine Geschichte erzählt, sondern eigentlich zwei…
Ja, zum einen ist das die Geschichte von Katja und ihrer Tochter und von ihrem Versuch, die Tage vor und nach einer Operation zu überstehen, erzählt aus der Perspektive der Mutter Katja. Zum anderen aber auch die Geschichte, die Katja ihrer Tochter Paula am Krankenbett erzählt. Denn Katja und Paula haben einen Tag im luftleeren Raum, dadurch, dass Paulas Operation verschoben wird. Diesen Tag müssen sie irgendwie überbrücken. Und auch, wenn Paula schon 14 ist, greift die Mutter auf ein Muster aus der Kindheit zurück, auf ein Märchen. Damit begibt sie sich auch ins Ungewisse, denn es kann sein, dass die Jugendliche ihre Geschichte ablehnt und findet, dass sie schon zu alt dafür ist. Es steht die Frage im Raum, ob das Märchen Paula überhaupt catcht. Aber Katja geht dieses Risiko ein. Dann möchte Paula sogar immer mehr von der Geschichte hören, und so entwickelt sich das Märchen weiter.
„Man kann an das Wunder glauben und
nach dem Wunder suchen, so schwierig die Lage auch ist.“
Martin Beyer
Warum ein Märchen?
Ich habe ein Kinderbuch geschrieben, das sich um klassische Märchen dreht, „Titus und der verwunschene Wald“. In diesem Buch geht es darum, was die Märchenfiguren nach den berühmten Märchenenden erleben, wie sie weiterleben. Also um Fragen wie: Was ist eigentlich aus dem bösen Wolf oder dem gestiefelten Vater geworden? Ich finde diesen kreativen Umgang mit Märchen faszinierend. Aber funktioniert eine solche Geschichte auch noch bei einer Jugendlichen? Aus dieser Frage entstand die Idee, ein Märchen für „Elf ist eine gerade Zahl“ zu schreiben.
Was fiel Ihnen schwerer, der lebensnahe Teil des Romans oder die Ebene des Märchens?
Das Märchen. Ich habe mit meinem Lektor viele Wochen daran gearbeitet. Gerade am Anfang war es herausfordernd, denn alles war völlig offen, die Erzählwelt, deren Gesetzmäßigkeiten. Alles musste entschieden und gestaltet werden, auch wenn nur wenig davon in die eigentliche Erzählung einfließt. Bei der realistischen Ebene der Klinik gab es all diese Parameter schon, da konnte ich auf Bestehendes zurückgreifen. Anfangs dachte ich, dass mir die Freiheit des Märchenschreibens leichter fällt und dass es eher schwierig ist, die Abläufe in der Klinik zu beschreiben und die Sprache der Ärztinnen und Ärzte medizinisch korrekt abzubilden. Aber am Ende war es dann genau umgekehrt. Welche Rolle spielt das Märchen im Roman, also die Geschichte in der Geschichte?
Das Märchen ist wie ein fantastischer Spiegel der realen Situation. Manchmal werden Geschichten erzählt, um den Ansprüchen und Grausamkeiten der Gegenwart zu entkommen. In meinem Roman nutzt die Erzählerin das Märchen aber nicht eskapistisch, sondern dafür, um ihre Tochter mit der Wirklichkeit zu konfrontieren. Katja nutzt das Märchen intuitiv als therapeutisches, heilsames Erzählen, für ihre Tochter und für sich selbst. Denn die Situation ist ansonsten von großer Sprachlosigkeit geprägt, die beiden Figuren haben keine Ebene, um miteinander zu sprechen. Das Märchen ist der Versuch, Kommunikation zwischen beiden herzustellen, Sprache und Bilder zu finden für das, womit sie es zu tun haben – mit der schweren Krankheit des Mädchens.
Kann die Literatur Furcht vertreiben?
Ich bin davon überzeugt, dass sie zumindest dabei helfen kann. In meinem Märchen läuft das Mädchen am Anfang immer wieder vor der Dunkelheit weg. Erst später hat es keine Wahl mehr, als in die Dunkelheit hineinzugehen und sich der Situation zu stellen. Das möchte die Mutter ihrer Tochter durch das Märchen vielleicht klar machen. Aber sie hat noch eine zweite Botschaft: Im Märchen gibt es auch Wunder, Elf kann eine gerade Zahl sein. Man kann an das Wunder glauben und nach dem Wunder suchen, so schwierig die Lage auch ist.
Was lesen Sie selbst gern? Was ist Ihr absolutes Lieblingsbuch und was Ihre spannendste Neuentdeckung?
Ich bin schon oft daran gescheitert, meine Lieblingsbücher zu nennen. Weil ich mich kurz darauf geärgert habe, warum ich so viele Titel nicht genannt habe. Ganz aktuelle Entdeckungen und damit neu in meiner persönlichen Favoritenliste sind: „Der Schlaf der Anderen“ von Tamar Noort. Ein großartiger Roman über Schlaflosigkeit und deren Folgen. Außerdem: „Demon Copperhead“ von Barbara Kingsolver. Eine moderne Version, eine Überschreibung von „David Copperfield“, die tiefe Einblicke in die US-amerikanische Lebenswelt fernab der glänzenden Metropolen gewährt.

Martin Beyer ist Schriftsteller und Dozent. Der promovierte Germanist hat bereits mit 18 Jahren seine erste Geschichte veröffentlicht. Sein neuestes Werk: 11 ist eine gerade Zahl. Seine Arbeit ist preisgekrönt, er wurde unter anderem mit dem Walter-Kempowski-Literaturpreis ausgezeichnet, außerdem war er Finalist beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb. Er lebt mit seiner Familie in Bamberg, und ist immer wieder live zu erleben, unter anderem bei Villa Wild im Bamberger ETA Hoffmann Theater.
https://hinter-den-tueren.de/
Interview: Karoline Keßler-Wirth
Pics: Portrait: Lisa Doneff, Cover: List Verlag


