Kriegsreporter Till Mayer über den Krieg in der Ukraine

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14. November 2022

„Der Krieg ist im ganzen Land allgegenwärtig“

Der Bamberger Kriegsreporter Till Mayer berichtet seit vielen Jahren über den Krieg in der Ukraine. Ein Gespräch über die dortige Lage und darüber, ob er als Journalist im Kriegsgebiet noch Angst hat und wie er mit den Gefahren vor Ort umgeht.

Herr Mayer, Sie waren gerade in der Ukraine. Wo waren Sie und wie ist dort die Lage?

Ich bin Anfang Dezember aus der Ukraine zurückgekehrt. Ich war bei meiner jüngsten Reise in mehreren Orten und Städten. Lwiw, Borodjanka, Kyjiw, Odessa, Mykolajiw und Kherson. Die Lage ist vor Ort völlig unterschiedlich. Es hängt ganz davon ab, wo man sich im Land befindet. Nahe der Front, zum Beispiel im Donbas, wird hart gekämpft – mit Artilleriegefechten und schweren Waffen. Die ukrainischen Streitkräfte hatten mit ihren Offensiven viel Erfolg. Kherson im Süden ist befreit, und zuvor die Region Charkiw. Ich konnte jetzt gerade erleben, wie im gerade befreiten Kherson Menschen vor Freude weinten, während in der Ferne noch Explosionen zu hören waren. Hart umkämpft ist derzeit zum Beispiel Bachmut. Letztendlich ist der Krieg aber im ganzen Land allgegenwärtig. Die gezielten russischen Drohnen- und Raketenangriffe auf die Infrastruktur der Energie- und Wasserversorgung erfolgen landesweit. Millionen von Ukrainerinnen und Ukrainer haben nur noch eine begrenze Energie- und Wasserversorgung. Der gezielte Angriff auf zivile Versorgungseinrichtungen ist übrigens ein Kriegsverbrechen. 

Der Kriegsjournalist Till Mayer

Für wie gefährlich halten Sie Wladimir Putin?

Putin will ein imperiales russisches Großreich auferstehen lassen. Er geht ihn um mehr als die Ukraine. Es war kein Fehler, nicht genug auf seine kolonialen Großmachtphantasien einzugehen, wie manche meinen, sondern, dass ihm nicht viel früher seine Grenzen gezeigt wurden. Zwei Jahrzehnte konnte Putin ungehindert seine Kriege führen: in Tschetschenien, Georgien, Syrien und der Ukraine. Hunderttausende kamen dabei ums Leben. Er wird weitermachen, wenn er keine militärische Niederlage erfährt. Zuerst in Moldawien, dann sind die baltischen Staaten und Polen dran, wenn er die USA und Nato für schwach genug hält. 

Sie waren jetzt seit Beginn des Krieges mehrmals vor Ort. Welche Eindrücke nehmen Sie mit aus persönlichen Begegnungen mit den Menschen?

Der Krieg in der Ukraine begann 2014, das wird leider oft ausgeblendet. 2016 drehte ich mit Freunden eine Doku über Clowns, die mit kriegstraumatisierten Kindern aus dem Donbas arbeiteten. Diese waren mit ihren Familien aus der Ostukraine geflohen. Wie rund 2,5 Millionen andere Menschen zu diesem Zeitpunkt. Über 13.000 Tote hatte der Krieg da schon gefordert. Seit 2017 dokumentierte ich den Krieg in der Ostukraine, weil er in Deutschland vergessen und verdrängt war. Rund ein dutzend Reisen führten mich bis zur wohlgemerkt dritten russischen Invasion am 24. Februar 2022 an die Front im Donbas. Seitdem berichtete ich im Schichtsystem aus der Ukraine. Für zwei bis drei Wochen bin ich alle fünf bis sechs Wochen in der Ukraine. Meine Eindrücke habe ich ihn einem Buch zusammengefasst. Die kann man schwerlich in zwei, drei Sätzen schildern. 

Aber eines beeindruckt mich immer wieder. Der Wille der Ukrainerinnen und Ukrainer für ihr Land, Freiheit und Demokratie zu kämpfen. Das sind für die Menschen dort keine leeren Worthülsen. Viele sind dafür bereit sehr, sehr viel zu opfern. Putin fährt auf dem Schlachtfeld Niederlagen ein. So versucht er die Menschen mit Raketen- und Drohnenangriffen mürbe zu machen. Es wird ein harter Winter für die Menschen in der Ukraine. Sie werden Unterstützung brauchen, um durch diese extrem schwere Zeit zu kommen. Aber sie werden sich nicht kleinkriegen lassen. Sorgen mache ich mir eher, wie solidarisch die Menschen in Deutschland reagieren. Das große Verdrängen hat schon wieder begonnen. Doch letztendlich war es genau dieses Verdrängen und Wegsehen, das uns jetzt mit in diese Situation gebracht hat.

Was war bisher Ihr eindrücklichstes Erlebnis?

Das ist schwer zu sagen. Viele Protagonistinnen und Protagonisten meiner Reportagen sind Menschen, die ich seit Jahren kenne. Ich verbrachte mit ihnen Nächte in Luftschutzräumen, erlebte mit ihnen den Beschuss ihrer Stadt, wie in Charkiw im April. Freunde von mir kämpfen an der Front. Sie alle lassen mich nahe an sich heran, um ihre Geschichten zu erzählen. Die Zerstörung in den Kampfgebieten ist erschreckend. Einmal war ich mit meiner Kamera mit der Internationalen Legion unterwegs. Da habe ich schon die Granaten pfeifen hören. Am Ende des Einsatzes war ein Soldat gefallen und drei verwundet. Es gibt Augenblicke, da sehe ich Unfassbares: Eine Mutter, die ihren Sohn in einem Granattrichter vor ihrem kleinen Haus nahe Kupjansk begraben hat. Selbst als sie den Leichnam bergen wollte, hätten russische Sniper auf sie geschossen, berichtete sie mir. Ich traf sie einen Tag, nachdem sie das Grab angelegt hatte. Ihr gerade befreites Dorf war weitgehend zerstört. Aus den Trümmerteilen stieg vereinzelt Rauch auf, Tote in schwarzen Plastiksäcken lagen noch auf der Straße. Es war ein Albtraum. Was schmerzt: Menschen, die ich kenne, sind an der Front gefallen oder schwer verwundet worden.

Wie sind Sie Kriegsreporter geworden?

Noch als Volontär (Anm. der Redaktion: während der Ausbildung zu Redakteure) sprang ich auf einen Hilfsgüter-Konvoi auf und kam so das erste Mal in ein Kriegsgebiet: Bosnien. Dann berichtete ich viel über Kriege in Afrika: Angola, Kongo, Somalia, Liberia, Äthiopien, Sierra Leone hießen damals die Kriegs- und Krisenschauplätze. Später dann beispielsweise Palästina, Irak, Libyen, Kolumbien oder der Süd-Sudan. Insgesamt aus rund 30 Kriegs- und Krisengebieten habe ich schon berichtet. Oft arbeitete ich dabei auch mit Hilfsorganisationen zusammen. Ich bin aber eigentlich nicht der übliche Kriegsreporter. Ich sehe mich eher als (Foto-)Journalisten, der sich sozialen Themen widmet. Und dabei oft in Kriegs- und Krisengebieten unterwegs ist. Vor allem dann, wenn sie und damit die betroffenen Menschen in Vergessenheit geraten. So wie es bis Anfang dieses Jahres auch mit der Ukraine der Fall war. 

Und warum?

Weil das Überleben das wichtigste Thema ist, das es gibt. Weil Wegschauen nicht nur emphathielos ist, sondern wie der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine gerade zeigt, sehr, sehr gefährlich für unseren Frieden sein kann.

Wie gehen Sie mit Gefahr um?

Ich habe Respekt vor ihr. Mein ukrainischer Kollege hat 2014 selbst gekämpft. Wir entscheiden zusammen, welches Risiko wir eingehen. Wo die Grenze sind. 

Haben Sie manchmal Angst?

Angst habe ich, dass ich durch einen Fehler andere gefährde. Würde zum Beispiel ein Foto von mir verraten, wo sich genau eine Stellung der Armee oder der Luftabwehr befindet, könnte das für die Soldaten den Tod durch einen russischen Raketenangriff bedeuten. 

Hat es Momente gegeben, in denen Sie dachten, ich kann das nicht mehr?

Einmal bei einer schweren Dürre in Äthiopien, bei der ich Menschen an dem Folgen von Unterernährung sterben sah. Es gibt schon Momente, da ist das Erlebte eine schwere Bürde.

Wie bereiten Sie sich auf eine solche Reise vor?

Interviewpartner werden ausfindig gemacht. die Reiseroute mit Kollegen klar gemacht, dann wird der Flix Bus gebucht, gepackt und losgefahren. In Kyjiw geht es mit dem Auto weiter. Zuvor lese ich viel und nutze Informationsquellen.

Wie legen Sie Ihre Reiseziele fest?

Das hängt viel von der Lage ab, welche Themen der Verlauf des Krieg gerade aufwirft. Jetzt zum Beispiel: die Befreiung von Kherson. Aber auch eine Reportage über die Langzeitfolgen für Kinder nach so vielen Monaten des Kriegs….

Wie sichern Sie sich ab?

Es braucht eine zusätzliche War-Risk-Insurance. Helm und Weste sind auch im Gepäck.

Stimmen Sie sich mit deutschen und in diesem Fall ukrainischen Behörden oder dem Militär ab?

„Abstimmen“ ist das falsche Wort. Ich berichte unabhängig. Natürlich bin ich bei der ukrainischen Armee akkreditiert, nur so habe ich Zugang zu den Kampfgebieten, komme durch frontnahe Checkpoints. Berichte ich beispielsweise direkt aus einem Kampfgebiet, müssen mein Kollege und ich die entsprechenden Gos bei den ukrainischen Streitkräften einholen. In manchen frontnahen Städten meldet man sich zudem bei den zuständigen Behörden an. Das sind Maßnahmen, die auch der eigenen Sicherheit dienen. Eine Einflussnahme auf meine Berichterstattung geschieht nicht. Aus den von russischen Truppen besetzten Gebieten kann ich nicht berichten. Ich habe schlicht keinen Zugang. Dort sind Kreml-nahe Propagandisten unterwegs. Allenfalls ausgewählte westliche Medien erhalten zu wenigen ausgewählten Ereignissen Zugang. Ansonsten sind russisch besetzte Gebiete eine Blackbox. Was dort passiert, sieht man aber auf grausame Weise, nachdem sie wieder von den Besatzungstruppen befreit sind: Massengräber und Folterkeller werden gefunden. Menschen erzählen von Ihrer Rechtlosigkeit unter der Besatzung.

Sind Sie mit anderen Kriegsjournalisten und -journalistinnen vernetzt?

Man tauscht sich aus und gibt sich gegenseitig Tipps. Das ist wichtig. 

Vielleicht können Sie kurz Ihr aktuelles Buchprojekt beschreiben….

Gerade ist mein Buch „Ukraine – Europas Krieg“ im Erich-Weiß-Verlag erschienen. Es ist ein Bild- und Reportagenband. Die Folgen des Kriegs, seine Geschehnisse, erzähle ich Anhand von Menschen und ihren Schicksalen. Viele der Protagonisten kenne und schätze ich seit vielen Jahren. Ich bin stolz auf den Mut, den sie in dieser dunklen Zeit zeigen. Jeder kämpft auf seine Weise. Als Cyber-Krieger am Ende oder vor einem Arbeitstag, als Soldatin oder Soldat an der Front. Als Helfende, die das Leben in Metro-Stationen möglich machen, während über der Erde die Artillerie wummert und immer wieder Raketen einschlagen. Es sind widerspenstige und starke Menschen. Auf dem Cover ist ein Freund von mir zu sehen. Der seine Freundin bei seinem ersten Fronturlaub in den Arm nimmt. Es war ein wunderschöner Moment. 

Mehr zum Buch „Ukraine – Europas Krieg“ im Erich-Weiß-Verlag: www.Erich-Weiss-Verlag.de

Interview: Karoline Keßler-Wirth, Fotos: Till Mayer

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